Raum
Ich musste lernen, dieser Idee, dieser Sache, dieser angelegten Spirale erst einmal Raum zu geben, damit sie sich aus sich heraus entfalten kann.
Und auch mir selbst musste ich diesen Raum geben.
Nicht ständig etwas tun, verändern oder überprüfen zu müssen, sondern beobachten zu dürfen. Zu schauen, was geschieht. Zu pflegen, wo es notwendig ist – und ansonsten immer wieder zurückzutreten.
Das war gar nicht so einfach.
Denn direkt neben der Spirale konnte ich sehen, wie schnell das Getreide auf dem landwirtschaftlich genutzten Acker wuchs. Es wurde gedüngt, stand bald satt und saftig grün da. Meine Fläche dagegen kam langsam. Stück für Stück. Manche Pflanzen brauchten ihre Zeit, bevor überhaupt etwas zu sehen war.
Diese beiden Flächen lagen unmittelbar nebeneinander und zeigten mir sehr deutlich, wie unterschiedlich Wachstum sein kann.
Ich konnte nur schauen, ein wenig pflegen und warten.
Und dann waren da die Grenzen.
Ganz konkret musste ich dem Gras Grenzen setzen und in den Wegen bleiben. Nicht einfach in die Beete zu wachsen, nicht alles betreten, nicht überall eingreifen.
Die Natur zeigte meinen Gedanken und meinen Vorstellungen Grenzen auf. Sie machte mir immer wieder deutlich: Bis hierhin kannst du planen. Danach beginnt etwas, das du nicht mehr bestimmen kannst.
Aber auch ich musste Grenzen setzen.
Es gab viele Ideen, Möglichkeiten und Gedanken, die während des Projektes entstanden. Nicht alles konnte gleichzeitig verfolgt werden. Ich musste mich immer wieder entscheiden, bei diesem einen Projekt zu bleiben, andere Ideen beiseitezulegen und mich nicht ständig in neue Richtungen zu bewegen.
Auch das war ein Teil der Arbeit: Grenzen zu setzen, um bei etwas bleiben zu können.
Das gilt nicht nur für dieses Projekt.
Und ich bin auch anderen Dingen / Mustern in mir begegnet.
Meiner Ungeduld. Meiner Strenge, die ich besonders mit mir selbst und auch mit anderen habe. Und auch meinem kindlichen „Ich will!“
Alle drei haben immer mal wieder angeklopft und wollten sich in den Vordergrund drängen und mitspielen.
Die Ungeduld wollte wissen: Wann passiert endlich etwas?
Die Strenge wollte bestimmen, wie es sein soll.
Und mein kindliches Ich-will wollte am liebsten alles gleichzeitig und dass es besonders schön ist.
Und immer wieder musste ich erkennen:
Ihr habt hier gerade gar nichts zu suchen.
Nicht weil diese Seiten von mir falsch sind. Sie gehören zu mir.
Aber nicht jede Stimme muss in jedem Moment bestimmen, was geschieht.
Die Spirale hat in mir vertieft, etwas geschehen zu lassen.
Zu beobachten, ohne sofort einzugreifen.
Grenzen zu setzen, ohne eng zu werden.
Und bei etwas zu bleiben, auch wenn mein Kopf längst weiter möchte.
Das ist Verwurzelung für mich:
nicht nur, dass Pflanzen Wurzeln in der Erde schlagen.
Sondern nicht festzuhalten und dabeizubleiben.
Und darauf zu vertrauen, dass sich etwas entwickeln darf, auch wenn ich nicht sicher sein kann, was daraus werden wird.
So wurden Raum, Grenze und Verwurzelung für mich während der Arbeit immer weniger Begriffe aus einem Konzept und immer mehr etwas, das ich selbst erfahren habe.
Die Spirale entstand nicht nur auf dem Feld.